Der Fotograf und Fototheoretiker Boris von Brauchitsch erkundete die vertrackten visuellen Dialoge der Internet-Chatrooms. Sein Vortrag deckte einen kommunikativern Tauschprozeß auf, der die Bereitschaft einschließt, sich täuschen zu lassen. Ein Lebenszeichen erhält nur, wer sich im Bild zeigt. Die damit garantierte Nähe ist jedoch so austauschbar wie die vor der Webcam eingenommene Pose.
Jede Fotografie ist ein Vertrag zwischen dem Fotografen und demjenigen, der die Fotografie betrachtet. Dieser Vertrag ist betrügerisch, denn er gibt vor, etwas Reales zu liefern, besiegelt eine vermeintliche Authenzität und wird doch nur zur Garantieerklärung einer Täuschung über Zeit und Raum.
Diese Täuschung wird bewusst in Kauf genommen, ja sie wird vom Betrachter gewünscht: Nirgendwo ist das deutlicher zu erkennen als im Internet, wo Fotos als kommunikative Lügen Gestalt annehmen und zur Ware werden, die man gegen ein Lebenszeichen eintauschen kann - ein Bild für eine Antwort.