Einen Abend hatte ich eine Art Lesung organisiert und habe Kurzgeschichten von einer finnischen Autorin vor einigen Bekannten vorgelesen, abwechselnd auf Deutsch und Finnisch. Hat jemand an diesem Abend mir von den Berliner Lesebühnen erzählt? Oder flüsterte jemand anderswo den Hinweis über eine für uns völlig unbekannte, literarische Institution der geheimnisvollen Hauptstadt? Ich weiß es nicht mehr genau, aber als eines Tages ein halbbekannter Gastronomiebesitzer aus der Nachbarschaft mir über einen Herrn erzählte, der im Wedding eine Lesebühne gründen wollte, war ich wenigstens mit dem Begriff Lesebühne schon ein wenig vertraut. Der Restaurantbesitzer meinte, vielleicht könnten wir diesen Herrn bei der Raumsuche weiterhelfen. Dieser würde vielleicht bei der nächsten Lesung, die er in seinem Lokal organisierte, auftauchen. - Gut, sagte ich unbedacht, vielleicht komme ich auch vorbei. Im lautlosen Salon des Restaurants saßen cirka fünf Leute zerstreut im Raum weit voneinander entfernt. Laut den Regeln dieser Lesungen, wurde mir genau erzählt, dürfte jeder seine eigene oder Texte von anderen vorlesen, oder halt nur zuhören. Ich beschloss zu schweigen und versuchte vergebens den Herrn zu erkennen, der hier die "richtige" Lesebühne gründen wollte. Zu meiner Enttäuschung war er anscheinend nicht anwesend. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wie er aussehen sollte, aber ein etwas älterer Herr sollte er wohl sein, eine Mischung aus Theaterregisseur und einem bohemen Gelehrten, wohl leger gekleidet, aber vielleicht trotzdem im Anzug, vielleicht hat er eine Glatze und wenigstens eine goldene Armbanduhr - oder einen dicken Steinring am Kleinen Finger. Nein, er war nicht da. Ich wollte weggehen, aber die erste Leserin hatte inzwischen schon angefangen, und es wäre für einen Finnen zu unhöflich gewesen, sofort wegzurennen. Die Leserin, oder besser gesagt die Selbstdarstellerin - eine korpulente Frau Mitte vierzig -, nahm ein mir völlig unbekanntes, meterlanges Blasinstrument hervor und fing an, verschiedenste Laute aus der Röhre klingen zu lassen. Ihrer Präsentation folgte eine Lyriklesung, die alle späteren Lyrikinterpretationen der Zu Recht vergessenen Lyriker von Frank Sorge deutlich übersteigerte. Langsam ging mir ein Licht auf: Diese Leute bilden eine Selbsthilfegruppe, sie verarbeiten hier ihre Ängste und Hemmungen. Ich habe eigentlich nichts dagegen - nur, ich hatte kein Bedürfnis, eine - nach meiner Meinung - Therapiesitzung mitzumachen. Ich wollte bloß den geheimnisvollen älteren Herrn treffen und mit ihm über die Möglichkeit einer künftigen Lesebühne sprechen. Leise schleifte ich schon in Richtung Tür, als ein junger Mann mit Brille auftrat. Er stellte sich kurz vor und fing sofort an zu lesen. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie sein Text hieß: Wodka saufen! Und nicht nur der Titel, sondern auch die skurrile und lustige Story, die er vor meinen Augen literarisch ausbreitete, sind mir im Gedächtnis geblieben. So was Ulkiges hatte ich nicht erwartet. Die halbdutzend Zuhörer klatschten leise und geniert. Das Programm war damit beendet. Ich ging begeistert zu ihm und wollte mich für seinen Text bedanken. Was für ein Zufall: Nils Heinrich hieß er, und er wollte eine richtige Lesebühne im Wedding gründen! Ah, er war der, "der ältere Herr"! Ich nannte ihn lange Nils Heine, weil ich seinen Namen so verstanden hatte. Wir verließen das Lokal und ich zeigte ihm das LAINE-ART. Er lief schweigend ein paar Mal im Raum herum, schaute auf die Toilette, und meinte: "- Ich meld' mich später, also dann, Tschüüss". Meine Begeisterung war hin, wie ein alter Luftballon. Wie konnte ich so naiv sein? Was hatte ich mir bloß eingebildet? Ich schaute mich herum und sah vier weiße, kahle, mit grellem Neonlicht beleuchtete Wände und nicht einmal eine Bühne zum Auftreten. Natürlich reichen diese Bedingungen für eine richtige, professionelle Berliner Lesebühne nicht aus. Keine einzige Lesebühne hatte ich bisher besucht, aber ich ahnte es schon: So geht es nicht. Bedrückt schaltete ich das Licht aus und vergaß sowohl den Herrn Heine als auch die ganze Idee einer Lesebühne. Meine Überraschung war umso größer, als nach zwei Wochen das Telefon klingelte und Nils sich meldete: Er habe mit einigen Kollegen vorläufig über die Gründung einer neuen Lesebühne gesprochen, und sie alle fünf (Hinark war noch nicht geboren - geboren natürlich schon, aber nicht als ein Brauseboy) wollten möglichst bald zusammen den Raum besichtigen. Na gut, dachte ich. An dem besagten Abend hatten Jaakko und ich eine andere Verabredung, aber wir dachten die Besichtigung würde sowieso nur eine Viertelstunde in Anspruch nehmen. Es dauerte aber schon eine Weile, bevor alle Eingeladenen aus anderen Bezirken Berlins erst ankamen (war Frank wohl der Letzte??). Nun saßen alle da, aber wir stellten fest, die kennen sich ja nicht einmal untereinander. Nils wollte wissen, welcherlei Texte oder Lieder die anderen vortragen; wohl lustige wie er? Ein Wortwechsel ist mir in Erinnerung geblieben. Nils meinte zu Heiko: "Du schreibst doch lustige Songs!". Heikos lakonische Antwort kam prompt: "Nöö, überhaupt nicht!" Wir wechselten einige Kommentare auf finnisch - "Das fängt ja gut an" - und schauten auf die Uhr. Es fehlte aber noch eine wichtige, sozusagen die wichtigste Entscheidung. Wie soll diese Lesebühne heißen? Der flinke Nils hatte schon einige Stichwörter gesammelt, und da die Dusche auf der Toilette war, gewann der Vorschlag „Brauseboys“ die allgemeine Akzeptanz. Und auch, dass der erste Auftritt in zwei Wochen, sprich am Donnerstag, den 20. März 2003, stattfinden sollte. Die Weddinger Lesebühne, die Brauseboys, waren geboren. Teppo Jokinen, 16.11.2006 | ||